Sind Schnecken behindert?

Im Kindergarten war ein neues Kind in die Gruppe von Jeremias gekommen. Es hieß Mona und war Rollstuhlfahrerin.

 Jeremias lag an diesem Abend wieder einmal müde im Bett, ohne einschlafen zu können. Wenn ihn etwas beschäftigte, musste er lange darüber nachdenken. Oder mit seinen Brüdern sprechen. Dafür war ihr gemeinsames Schlafzimmer mit den fünf Betten wunderbar geeignet!

 „Behindert – was ist das eigentlich?“, fragte er, bekam aber von keinem seiner vier Brüder eine Antwort.

 Schließlich ging sein ältester Bruder Jacob der Frage auf den Grund: „Warum willst du das wissen?“

 „Im Kindergarten haben wir heute ein neues Kind bekommen, Mona. Die ist behindert, sagt die Erzieherin.“

 „Wie sieht sie denn aus?“, fragte Jonathan, als wäre er ein Forscher oder ein Kriminalkommissar.

Er liebte es, Dinge ausführlich zu erkunden. Das war wohl auch der Grund, weshalb er manchmal ‚Klugscheißer‘ genannt wurde.

 Jeremias sah Mona genau vor sich. Schließlich hatte er sie sich im Kindergarten lange angeschaut: „Sie trägt einen hübschen roten Pullover und hat einen blonden, ganz langen Pferdeschwanz. Den würde ich gerne mal anfassen!“

 „Ich hab‘s!“ tat sich Kommissar Jonathan wichtig, der kurz vor dem Einschlafen noch immer seine Brille auf der Nase trug. „Wenn man etwas nicht kann, dann ist man behindert.“

 Sofort verzog der kleine Jeremias das Gesicht: „Ich kann nicht Auto fahren. Ich bin behindert!“

 Jacob schaltete sich wieder ein: „Das könnte man tatsächlich so sagen. Irgendwie behindert es dich ja, dass du noch nicht selber fahren kannst. Darfst du ja auch noch nicht. Allerdings kannst du jemanden finden, der dich fährt. Deine Behinderung ist also nicht schlimm.“

 „Oder, du kannst mit dem Bus fahren“, fuhr Jonathan dazwischen.

 „Jacob?“, richtete sich Jeremias zaghaft an seinen ältesten Bruder. Er machte eine lange Pause, bevor er fortfuhr: „Gibt es bei dir auch etwas, das du nicht kannst? Bist du auch behindert?“

 „Weißt du, Jeremias, jeder hat etwas, das er nicht kann. Oder nicht so gut. Man kann aber üben. Meistens wird es dann besser. Jedoch wird es trotz intensiven Übens wird es immer Dinge geben, die man gar nicht kann. Dennoch kommt man zurecht und kann glücklich sein.“

 „Ich übe immer mal wieder zu pfeifen, also den Mund ganz rund zu machen wie bei einem O, und dann ziehe ich Luft ein und aus. Manchmal pfeift es wirklich“, sagte Josef. Er fand das Gespräch derart spannend, dass er beschloss, erst später einzuschlafen.

 Eine Weile waren alle fünf still und mit ihren Gedanken beschäftigt.

 „Eine Schnecke – ist die behindert?“, platzte Jeremias plötzlich heraus. „Die kann nicht so schnell laufen wie ich, und wenn ein Huhn sie aufpicken will, ist sie verloren.“

 „Wenn die Schnecke ein Haus hat, kann sie da reinkriechen, und das Huhn pickt sich den Schnabel krumm“, gab Jacob zu bedenken. Außerdem bewegen sich Schnecken sehr geräuschlos und machen nicht auf sich aufmerksam. Sie gleichen auf der einen Seite aus, was ihnen anderswo fehlt.“

 „Aber ein Maulwurf – der ist doch so gut wie blind. Der ist behindert!“ Jeremias gab sich noch nicht zufrieden.

 „Ich kann auch nicht gut sehen. Aber ich trage eine Brille“, meldete sich Jonathan zu Wort. „Also bin ich nicht behindert!“

 „Jeremias, meinst du denn, der Maulwurf kann seine fehlende Sehkraft irgendwie ausgleichen? Merkt  er, wenn ein Tier kommt und ihn fressen will?“

 Jacob spürte, wie jetzt alle nachdachten. Wieder dauerte es lange, bis sich schließlich Jeremias zu Wort meldete: „Ich habe noch nie gehört, dass ein Maulwurf gefressen worden ist. Der ist ja immer unter der Erde. Den findet doch keiner. Aber ich meine trotzdem, der Maulwurf ist behindert!“

 Nach einer weiteren Pause fügte er hinzu, so, als hätte er die Lösung seines Problems gefunden: „Aber ein Löwe, der ist stark und groß, und alle haben Angst vor ihm. Ein Löwe ist nicht behindert!“

 Jacob schmunzelte und war auch ein bisschen stolz auf seinen jüngsten Bruder. „Pass mal auf“, begann er…